Mio Cyclo 300 – Testbericht

Da wir von euch sehr positives Feedback zu den Testberichten über das Medion GoPal S3857 bekommen haben, möchten wir euch heute ein weiteres Gerät vorstellen, dass ab Werk mit OpenStreetMap ausgestattet wird. Es geht um die neue Cyclo 300 Serie von Mio, welche wie das Medion für Radfahrer konzipiert ist.

Hardware

Alle Bestandteile des LieferumfangesDas Gehäuse des von uns getesteten Cyclo 300, ist dem eines Smartphones nachempfunden. In Puncto Ausstattung ist es dem Medion sehr ähnlich (Samsung CPU mit 400MHz, SIRFstar III GPS Modul, 128MB RAM, 3″ Touchscreen, Gyrometer, Barometer, interner LiIon-Akku, IPX-7 Wasserschutz). Es bietet aber mit 4GB nur halb so viel internen Flash-Speicher und es gibt keine Aussagen zur Nutzung von EGNOS/WAAS für die Verbesserung der Positionsbestimmung. Mit einer Ladung soll es 12h funktionieren, die Version 305 ist außerdem in der Lage zusätzliche Sensoren per ANT+ Nahfunk anzubinden, was wohl aber nur von Leistungssportlern wirklich genutzt werden wird.

Im Lieferumfang ist ebenfalls ein (internationales) Ladegerät für den USB-Port, sowie eine Fahrradhalterung enthalten. Diese ist sehr einfach aber clever gestaltet, es muss nur mittels Kabelbinder eine kleine Buchse auf dem Lenker montiert werden. Auf der Rückseite des Gerätes befindet sich eine Art Schraubvorrichtung, welche in die Buchse beim Drehen einschnappt und auch ein Querbild ermöglicht (allerdings keine automatische Rotation des Bildschirms). Die Ablesebarkeit des Displays ist auch bei Tageslicht gut.

Software

Cyclo montiert am FahrradDas Gerät nutzt ein Windows CE Betriebssystem, auf dem eine für Mio angepasste Version der GPSTuner-Engine läuft (Mio Dodge 1.2.2). Bei dem ersten Start wird über einen Wizzard die wesentlichen Einstellungen abgefragt, so auch ein Nutzerprofil, in dem der Fahrradtyp und die körperliche Verfassung erfasst wird. Der GPS-Fix erfolgt wie bei den meisten Navis üblich recht schnell.

Die Bedienoberfläche des Cyclo ist auf das Wesentliche reduziert und erinnert mit den wenigen großen Buttons an die Kacheln von Windows Phone. Die Bedienung erfolgt fast ausschließlich über Touchscreen, nur das Verlassen von Menüs und das Ausschalten ist über den einzigen Taster realisiert. Gesten werden nicht unterstützt, weshalb etwa Scrollen oder das Aufzeichnen des GPS-Tracks immer über Standard Bedien-Elemente realisiert wird. Die Funktionalität ist noch stärker als beim Medion auf Radfahrer optimiert, weshalb weder Werkzeuge für Geocacher gibt noch Routing für Fußgänger vorhanden ist.

Nahaufnahme von Cyclo mit KarteIn der Standard-Übersicht werden verschiedene Parameter angegeben, wie Geschwindigkeit und Entfernung zum nächsten Ziel. Erst in der nächsten Ansicht kann man die Karte sehen und es werden Navigationsrichtung und verschiedene weitere Informationsfelder angezeigt.  Die OSM Karten (Stand Juni, 04/2012) sind dabei sehr einfach gehalten, es werden nur Wege und Straßen unterschieden, Gebäude sind nicht dargestellt. Diese Reduktion der Inhalte ermöglicht auch eine sehr gute Geschwindigkeit und schnelles Zoomen (durch teilweise vorgerenderte Kacheln).  Negativ fällt auf, dass Brücken, Treppen und Wege die als Fläche erfasst sind, allerdings nicht hervorgehoben werden. Abgedeckt werden dabei alle Länder West-Europas. Die Erstellung eigener Karten ist nicht möglich, Mio plant aber ein Update je Quartal (s.u.). Zusätzlich liegt noch Kartenmaterial von TomTom bei, was wohl ebenfalls beim Auto-Routing verwendet wird.

Zur Navigation sind Ziele wie Adressen, sowie POI und Koordinaten möglich. Die Eingabe/Auswahl ist durchaus sinnvoll, allerdings sind keine komplexen Hausnummern wie “2a” möglich, die Vorauswahl der Stadt bleibt aber erfreulicherweise erhalten und die Suche erfolgt recht schnell. Die Kategorien sind sinnvoll aufgebaut und umfassen ein nützliches Spektrum (Einkaufsmöglichkeiten, Fahrradläden, Ärzte, …). Es zeigte sich aber, dass die Daten jedoch aus anderen Informationsquellen stammen müssen, da in OSM eingetragene POIs und Adressen fehlten, sowie andere Objekte enthalten waren. Das Routing kann nur zwischen PKW und Fahrrad geändert werden. Je nach voreingestellten Fahrradtyp, variieren die Ergebnisse des Routings:

  • Stadtrad: Hier werden nur ruhige Straßen und Radwege verwendet. Bundesstraßen werden gemieden, Wirtschaftswege nicht genutzt.
  • Mountainbike: Hier werden alle Dreckwege verwendet und bevorzugt. Das führt manchmal zu Routen, die man selbst nicht wählen würde.
  • Rennrad: Es  werden Straßen und Radwege verwendet. Wo möglich werden Bundesstraßen gemieden und statt dessen parallele Straßen genutzt.

Cyclo HauptmenüEs fehlt eine Art Treckingrad/Freizeitfahrer, bei dem Radwege, ruhige Straßen und gute Wirtschaftswege verwendet werden. Es fiel auch auf, dass highway=path, bicycle=designated nur mit sehr geringer Priorität genutzt werden, außerdem werden Fähren nicht mit einbezogen. So orientieren sich die Ergebnisse häufig an Straßen, obwohl es auch noch rad-freundlichere Alternativen gegeben hätte. Das Routing ist auf 200km Entfernung begrenzt, auch  eine Neuberechnung während der Fahrt verzögert die Kartendarstellung geringfügig. Bei einem Garmin Oregon ist in der Regel allerdings ebenfalls bereits bei 60-80km Schluss. Das PKW-Routing berücksichtigt darüber hinaus keine Abbiegebeschränkungen. Eine Besonderheit ist der „suprise me“-Modus, bei dem 3 zufällige Routen generiert werden, die eine bestimmte Distanz/Zeit/Kalorienverbrauch für das Training abdecken. Diese sind zwar nicht perfekt, aber können einen Anhaltspunkt liefern, wo es interessante Rundkurse geben könnte. Sinnvoller ist aber sicherlich die Vorbereitung solcher Tracks am Desktop, etwa mit www.komoot.de , www.bikemap.net oder www.gpsies.de, wo auch die Erfahrungen lokaler Anwohner mit berücksichtigt werden.

Das Aufzeichnen von eigenen Tracks ist jederzeit problemlos über eine Schaltfläche möglich, wird bei Bewegung auch automatisch angeboten (leider mit modalem Dialog, den man selbst wieder schließen muss). Sekündlich wird die Position dann sowohl in einem internen Format, als auch als GPX gespeichert. Über USB kann das Gerät als Massenspeicher angesprochen werden und man sich so die Logs überspielen.

Desktop-Software

Hauptbildschirm von Mio ShareDie Desktop-Software ist ausschließlich für Windows verfügbar und setzt auf .NET auf. Verschiedene einzelne Module dienen der Aktualisierung der Geräte-Firmware, dem Archivieren und Tauschen der Tracks (MioShare), sowie einem Zugang zum Online-Shop (MioAdvantage). Dafür wird in der Regel auf Online-Dienste zurückgegriffen, weshalb die Nutzung ohne Internet wohl schwierig wird. Das es in diesem Zusammenhang zahlreiche IDs und Codes gibt, die eine Zuordnung ermöglichen, schreckt auch ein wenig ab. Trotz mehrerer Versuche wollte uns ein Aufspielen von externen Tracks nicht gelingen, leider kann man diese offensichtlich auch nicht einfach als GPX-Datei einfügen. Die durch das Gerät aufgezeichneten Tracks werden dabei getrennt je Profil abgelegt, was evtl. für Verwirrung sorgt.

Interview

Nach der Beendigung unseres Tests, erklärte sich Mio bereit einige unserer Fragen in einem kleinen Interview zu beantworten, welches auf Englisch per Mail (23.07.2012) geführt wurde:

Bitte stellen Sie sich ganz kurz vor:
Mein Name ist Iwan Van Hende, ich bin der Mio PM Director Outdoor & Fitness. Ich arbeite für MiTAC seit 8 Jahren (Anmerkung: Mutterkonzern) und bin für die Einführung der Mio C-Serie, der Magellan Outdoor Produkte und seit kurzem auch der Cyclo Serie verantwortlich.

Warum entschied sich Mio für OSM als Datenquelle?
OSM wurde ausgewählt, da es sehr viele Straßen für Rennen, sowie Stadtradeln und MTB enthält, wo Tele Atlas und Navteq niemals dran interessiert waren. Das ist ein sehr großer Vorteil der Karten.

Was waren ihre Erfahrungen während der Entwicklung? War das schwieriger als mit kommerziellen Datensätzen?
Während der Implementierung zeigte sich, dass die Abdeckung nicht in jedem Land gleich ist. Wir haben auch viele Fehler in den Kartendaten selbst gefunden. Aber der Vorteil von OSM ist ja in dieser Hinsicht, dass die Daten kontinuierlich von den Nutzern verbessert werden.

Wird es Kunden irgendwann möglich sein, eigene Karten zu erstellen?
Nein, das wird leider nicht in absehbarer Zeit möglich sein.

Wie sind die Pläne bzgl. der Updates der Karten?
Wir werden 4 Releases pro Jahr für die Nutzer anbieten, denn die OSM Datenbank ändert sich ja täglich.

Werden eines Tages alternative Betriebssysteme unterstützt werden?
Wir hoffen bis Ende des Jahres auch für Mac kompatibel zu sein, eine Unterstützung für Linux ist bisher noch nicht geplant.

Gibt es schon Ambitionen, für eine weitere Zusammenarbeit mit der Community?
Es gibt da sehr interessante Möglichkeiten für uns (Spenden,  Infrastruktur, Mapping Parties, ….). Wir stehen zur Zeit mit der OSM Foundation in Kontakt, um die Möglichkeiten zu erörtern.

Fazit

Wenn man die Ausstattung und die Überlegungen hinter dem Produkt kennt, wird klar, dass Mio damit insbesondere die Gruppe der sportlichen (Renn-)Radfahrer im Blick hat. Dafür ist es mit den zahlreichen Darstellungen von Messwerten optimiert und macht unserer Meinung nach auch einen soliden Eindruck. Jedoch sollten für über 300€ dann auch gleich die passenden Sensoren beiliegen, damit die Relationen stimmen.

So ist es etwa bei Konkurrent Garmin in dem Preissegment möglich, mit zusätzlichen Tools eigene Karten für die Geräte zu erzeugen, dessen Speicher zu erweitern und die Akkus auszutauschen. Jedoch sind dessen Geräte zwar flexibel, aber dadurch für das Abfahren einer Strecke auch viel zu überladen für Otto-Normalbürger. Diese bräuchten aber beim Cyclo ein nützlicheres Routing für Freizeitfahrer und für längere Touren eine noch hilfreichere Navigation, gerne zu Lasten der Benchmark-Anzeigen. Insofern ist der Werbeclip von Mio da vielleicht etwas zu optimistisch mit der Universalität des Gerätes. Der Nutzen der Desktop-Software ist in diesem Zusammenhang irgendwie unklar. Routenplanung ist darin nicht möglich und die Verwaltung der Tracks durch den Zwang, das Tool zum Import zu nutzen, unnötig kompliziert. Insgesamt läuft die Software aber sehr stabil und es gab nur recht wenige Bugs (ab und zu fror der Kompass ein).

An dieser Stelle möchten wir uns noch mal ausdrücklich bei Mio für die Demo-Exemplare und das Interview bedanken. Weiteren Dank verdient EvanE, der wieder unermüdlich fleißig mit testete.
Wir (und ihr bestimmt auch ;)) freuen uns schon auf weitere Entwicklungen auf dem Navi-Markt mit freiem Kartenmaterial von OpenStreetMap, die sich mit dem TEASI von a-rival auch schon abzeichnen.

Matthias

Matthias studiert Informatik in Rostock und stieß durch ein universitäres Projekt auf OSM. Seitdem hat ihn dieser Teil der OpenData Bewegung nicht mehr losgelassen und er probiert mit vielen anderen zusammen die Qualität in Mecklenburg-Vorpommern voran zu bringen. Insbesondere probiert er auch neue Leute für das Projekt zu motivieren, indem er mit Ämtern und der Presse kommuniziert.

Kategorie: OSMBlog, Tests | Tags: , ,

  1. Netter Testbericht, das Gerät scheint ja ganz okay zu sein, wenn man denn ein Wochenend-Vielfahrer ist oder so.
    Vom Karma her hätte ichs interessant gefunden, wenn auf diesen Geräten mittlerweile Android statt Windows CE laufen würde, aber letztlich sieht man auch nichts vom Betriebssystem (hofft man), da die Anwendungssoftware immer im Vordergrund läuft.

    Ich hätte mir die Preisangabe weiter oben im Artikel gewünscht, beim Lesen bin ich die ganze Zeit von so ~130 Euro oder so ausgegangen (gefühlt) und dachte schon, das wäre ganz gut für Hobbyradfahrer.
    Aber wenn etwas bei 300 Euro kostet kann ich mir für das Geld schon eher ein Smartphone + OsmAND + Fahrradhalterung holen und bin flexibler. Natürlich ist das dann aber nicht so robust und regengeschützt (wars doch, oder?) wie das hier. Aber ich bin ja auch eher aus der Bastlerecke, wenn man nicht drüber nachdenken möchte, ist so ein Gerät vermutlich einfacher.

    • Ich denke auch, dass bei Navis das OS gar nicht so die Limitierung ist, es sei denn man bekommt dank Linux wirklich viel mehr Freiheitsgrade.

      Du sprichst natürlich das Hauptproblem an, dass die Navi-Hersteller haben, nämlich wie man sich gegenüber Smartphones abgrenzen kann. Aufgrund der Limitierung von PNDs sollte es dann (IMHO) schon möglich sein, dass man nur noch ein einziges Navi als PKWfahrer, Fußgänger und Radfahrer nutzt. Das ist vom Systemdesign her gar nicht einfach, aber Laufzeit, Privatssphäre und Einfachheit erscheinen mir als etwas zu schwache Argumente, auch für durchschnittliche Kunden. Und mit OSM sollten sich die Geräte ja auch preiswerter produzieren lassen, da Lizenzgebühren wegfallen.

    • EvanE

      Was den Preis betrifft muss man die möglichen Konkurrenten sehen. Das ist in aller erster Linie das Garmin Edge 800 und liegt in der gleichen Preisklasse.
      Beide richten sich an den ambitionierten Radfahrer, der auch Trainingsdaten erfassen will. Beim Mio Cyclo sollte man dann zum 305 greifen (+50 Euro), dass dann auch ANT+ Sensoren unterstützt (kann das Edge 800 von Hause aus).

      Ein Freizeit-Radler wäre mit einem Oregon (ebenfalls 300 Euro) oder anderen Garmin Outdoor-Geräten wahrscheinlich besser bedient.

  2. Christoph

    Danke für den Testbericht. Allerdings finde ich den Vergleich „So ist es etwa bei Konkurrent Garmin in dem Preissegment möglich, eigene Karten für die Geräte zu erzeugen“ zumindest im Zusammenhang mit OSM nicht ganz fair. Garmin bietet ja auch von Hause aus keine Möglichkeit OSM Karten auf ihre Geräte einzuspielen (sieht man mal von den CustomMaps ab, da könnte man schon etwas konstruieren). Das es das für Garmin gibt ist ja hauptsächlich einem gewissen Enthusiasmus einiger Besitzer, gepaart mit einem großen Marktanteil der Geräte zu verdanken.

    • Hi Christoph, danke für den Hinweis. Du hast natürlich recht, dass das nur durch reverse engineering und Tools Dritter möglich geworden ist. Mein Augenmerk war eher, DASS es möglich ist, ich formuliere das noch etwas geschickte um.

  3. Jörg Heß

    Ist die Software mittlerweile Mac kompatibel?

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