Google ist nicht unser Feind

Viele denken, OpenStreetMap sei Googles Gegenspieler, oder zumindest, etwas bescheidener, wenigstens ein Konkurrent von Google. Wenn ich OpenStreetMap in einem Absatz erkläre, benutze ich oft auch eine Phrase wie „im Gegensatz zu Google Maps kann man bei OpenStreetMap …“. Vielleicht ist das der Grund, warum viele im Umkehrschluss denken: Google ist unser Feind.

Aber stimmt das wirklich?

Wir sind eigentlich immer gut mit Google ausgekommen. Ed Parsons, der „geospatial technologist“ von Google, und Steve Coast kennen sich schon länger; Steve hat mit OpenStreetMap angefangen, weil er frustriert war von den knausrigen Lizenzen der (halb)staatlichen Geodatenagentur Ordnance Survey in Großbritannien. Zu der Zeit war Ed Parsons der CTO von Ordnance Survey und hat die Linie seines Unternehmens öfter mal in der Öffentlichkeit verteidigt. (Einige sagen, er war vielleicht genauso frustriert von den OS-Lizenzen wie wir.) Im Jahr 2006 hat Steve sogar mal ein Interview mit Ed für das OpenGeoData-Blog gemacht. Als wir 2007 unsere erste „State of the Map“-Konferenz in Manchester veranstaltet haben, hat Ed – inzwischen bei Google – die Eröffnungsrede gehalten, und er war als Gast und Redner bei vielen weiteren unserer Konferenzen. Zur SOTM 2011 schrieb er: „Großartiges Wochenende bei der State of the Map. OpenStreetMap fühlt sich schon wie ein wirklich reifes Projekt an.“

Google hat die „State of the Map“ gesponsert, hat uns seit unserer ersten Teilnahme 2008 jedes Jahr mehrere Plätze in ihrem „Summer of Code“-Programm zugeteilt, und als wir 2009 zum ersten Mal zu einer Spendenaktion für einen neuen Server aufgerufen haben, hat Google sich mit 5.000 Pfund beteiligt – ohne dass wir überhaupt gefragt hätten.

Auch technologisch profitieren wir jeden Tag von Googles Vorreiterrolle. Dass wir einfach so eine OpenLayers-Karte auf eine beliebige Webseite stecken können und jeder weiß, wie man sie benutzt: Google hat es vorgemacht. Die Projektion, die wir alle benutzen und die für Karten im Web vieles vereinfacht: Google hat sie erfunden. Das platzsparende PBF-Datenformat für OSM-Dateien: basiert auf Googles „protocol buffers“. Ich glaube nicht, dass OpenStreetMap von irgendeinem anderen Unternehmen mehr profitiert hat als von Google. Ich habe selbst schon zahllose Stunden Zeit eingespart, weil ich OpenStreetMap so erklären konnte: „Es ist wie Google Maps, nur dass jeder mitmachen und die Daten weiternutzen kann.“

Ja, es gab ein paar Problemchen in der Vergangenheit, wenn wieder einmal OSM-Daten irgendwo auf der Google-Karte auftauchten, aber das konnte meistens schnell „auf der Chef-Ebene“ geklärt werden; soweit ich sehen kann, waren das immer Fälle, in denen irgendein Google-Zulieferer oder ein Nutzer des „Map Maker“ Mist gebaut hatte. Umgekehrt das gleiche – von Zeit zu Zeit ist auch bei OpenStreetMap jemand übereifrig und benutzt unzulässigerweise Google-Quellen, und wir werfen diese Daten dann raus, ohne – soweit ich weiß – jemals von Google deswegen kritisiert oder gar abgemahnt worden zu sein.

Ich bin kein Google-Insider, aber für mich liegt auf der Hand, dass Googles Agenda die Verbesserung und Beobachtung des Informationsflusses im Internet ist. Dabei gewinnt Google wertvolle Einsichten in das, was die Vor-Facebook-Generation eventuell noch unter der Bezeichnung „Privatsphäre“ kennt, und kann Werbung verkaufen. Google liest Deine E-Mail – aber nicht, weil sie böse sind, sondern weil Du Dich aus freien Stücken entscheidest, ihren kostenlos angebotenen und technologisch überlegenen E-Mail-Dienst zu benutzen. Google liest sogar interne OSMF-Papiere, bevor wir sie zu sehen bekommen, weil die OSMF Google Docs benutzt. Ich gebe gerne zu, dass ich diese Allgegenwärtigkeit und Beinahe-Allwissenheit von Google etwas bedrohlich finde, aber das macht Google nicht zu unserem Gegner. Ich bin sicher, Google würde gern auch unsere Karten verteilen und Nutzer dabei beobachten, was sie damit machen – das ist Googles Ding. Offenbar schien ihnen unsere Lizenz bislang ungeeignet dafür, und damit sind sie ja nicht allein; bestimmt gibt es eine Menge andere Unternehmen, die sich aus den gleichen Gründen bislang nicht an OSM herangetraut haben. Mit dem Lizenzwechsel könnte sich das ändern.

Wir sind schon ein paarmal auf Google zugegangen, weil wir ihre Luftbilder gern benutzen würden. Die Abdeckung und Qualität des Google-Materials ist vielerorts besser als das, was wir von Bing bekommen haben. Das hat bislang leider nicht gefruchtet – die offizielle Aussage ist, dass sie von ihren Luftbild-Anbietern keine Lizenz haben, die das Abdigitalisieren erlauben würde. Das klingt etwas seltsam im Angesicht von Map Maker, aber wer weiss – ich habe schon sehr viele seltsame Lizenzen im Kartographiebereich gesehen. Googles „StreetView“-Bilder könnten uns auch viel beim Mapping helfen; wir haben keine generelle Erlaubnis, diese Bilder zu benutzen, aber für ein paar einzelne Aktionen wurde uns schon erlaubt, unsere Datenerfassung mittels StreetView zu verbessern.

OpenStreetMap versucht nicht, das „bessere Google Maps“ zu sein. Das könnten wir nie – dazu fehlen uns ein paar Überseecontainer voller Hardware. Google war kürzlich in den Nachrichten, weil es hieß, dass man für intensive Nutzung der Maps-API künftig zahlen müsse, und prompt sind einige Leute medienwirksam auf den switch2osm-Zug aufgesprungen. Darüber freuen wir uns zwar, aber zugleich muss man ehrlicherweise feststellen: Wer mit OpenStreetMap die gleiche Dienstqualität erreichen will wie mit Google Maps, mit einem guten CDN, mit Hochlastkapazität und der Redundanz, die Google bietet, der kommt auch nicht billiger weg als das, was Google anbietet. OpenStreetMap wird auch in absehbarer Zeit keine Luftbilder anbieten, und viele andere Dinge, die ein Google Maps-Nutzer selbstverständlich findet, fehlen bei OpenStreetMap.

Wir bei OpenStreetMap wollen nicht eine Alternative zu Google Maps sein, sondern zu amtlichen oder gewerblich erhältlichen Geodatenbanken. Dadurch sind wir eher ein Konkurrent von TeleAtlas oder Navteq als von Google. Google hat zwar in der jüngsten Zeit auch angefangen, eigene Geodaten zu sammeln – aber doch nur, weil sie eben unter dem gleichen Problem leiden, das OpenStreetMap auch zu lösen versucht, nämlich dem Mangel an zu akzeptablen Konditionen erhältlichen Geodaten.

Zwei unserer Vorstandsmitglieder bei der OpenStreetMap Foundation – Steve Coast und Mikel Maron – haben in der jüngeren Vergangenheit öffentlich Kritik an Google geübt. Ein Anlass war ein Fall von Vandalismus bei OSM, in dem beide voreilig annahmen, dass Google beteiligt war oder ihn zumindest fahrlässig in Kauf genommen hatte. Mikel hat Google außerdem sehr deutlich wegen ihrer Geschäftsstrategie in Entwicklungsländern kritisiert, in der er einen Affront gegen die Open-Data-Bewegung sah. Auch eine Vereinbarung, die Google kürzlich mit der Weltbank abgeschlossen hat und die, würde sie umgesetzt, das Bekenntnis der Weltbank zu Open Data unterliefe, hat Google Kritik von Mikel eingebracht.

Google ist eine Organisation wie alle anderen auch. Auch dort gilt: Wenn man nicht aufpasst, hat man irgendwann Leute, die ihre eigenen Ziele verfolgen, dann geht es einzelnen Managern irgendwann um ihren eigenen Vorteil oder darum, irgendwelche hochgesteckten Karriereziele zu erreichen. Da kann schonmal etwas schiefgehen, und es ist gut, wenn wir Google im Auge behalten und ihnen bei Bedarf ab und zu auch mal auf die Finger klopfen. Aber im Großen und Ganzen, auf dem Spielfeld von „crowdsourced Schwarm-Intelligenz“ versus „Daten-Kathedralen von Verwaltung und Firmen“ ist Google, wie ich finde, auf der gleichen Seite wie wir.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch unter dem Titel „Google is not the Enemy“ in Frederiks Blog, osm.gryph.de. Auf Einladung der Wochennotiz-Redaktion hat Frederik seinen Artikel ins Deutsche übersetzt und hier publiziert.

Frederik

Frederik Ramm ist altgedienter Mapper, Mitautor des deutschen OpenStreetMap-Buchs und einer der Geschäftsführer der Geofabrik in Karlsruhe. In der 'Data Working Group' der OSM Foundation geht er Vandalismus und Urheberrechtsverletzungen nach.

Kategorie: Gastblog

  1. Hallo Frederik, vielen Dank für den Artikel und die vielen Details, nicht weniges ist da bislang an mir vorbei gegangen. Im Großen und Ganzen stimme ich dir zu, zumal ich niemanden bin, der jemanden als “Feind” titulieren würde. Ich selbst würde uns schon gerne als Alternative zu GMaps begreifen, du hast natürlich sicherlich Recht mit den Argumenten der Kosten/Performance, dennoch erscheint es mir wichtig, dass es für Kartenportale auch Alternativen zu den paar Global Playern gibt. Primär sind wir aber wie du schon geschrieben hast am ehesten ein Problem für Navteq/Teleatlas. Deren Kunden können eigentlich irgendwann ihre Verwertungskette umstellen, auch wenn es spannend bleibt wie sich das mit der Lizenz dann entwickelt.

    P.S. Man muss ja nicht immer Google als Dienstleister nehmen, Gott sei dank gibt es da ja an jeder Front Alternativen (auch wenn nicht ganz so komfortabel) . Jüngst zum Beispiel: https://www.foebud.org/datenschutz-buergerrechte/free-your-android-freie-smartphones-ohne-google

  2. Tobias

    Ja, auch Google baut an einer Alternative zu den „Daten-Kathedralen von Verwaltung und Firmen“, und sie sind sehr gut darin. Das macht sie sympathisch. Aber es macht Google auch zum Problem für OSM.

    Die klassischen Daten-Kathedralen sind keine Gefahr, denn sie sind kaum in der Lage, den Leidensdruck, der Steve ebenso wie andere zu OSM getrieben hat, nachhaltig zu lindern. Auch eine echte freie Alternative wäre für die Ziele von OSM keine Gefahr, denn sie würden auch bei einem Erfolg eines solchen Alternativprojekts erreicht. Google hat das aber das Potential, eine Lösung zu schaffen, die zwar nicht wirklich das ist, was wir uns ebenso wie manche Nutzer von Geodaten wünschen – aber “gut genug”, um OSM den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    Kurz: Das Gute ist des Besseren Feind.

    So erfreulich es ist, dass Google und OSM eher ehrbare Rivalen als erbitterte Feinde sind: Wir müssen dennoch hoffen, dass Googles Crowdsourcing-Vorstöße im Geosektor nicht zu erfolgreich sind. Denn “wir sind auf derselben Seite” heißt hier nun einmal auch “wir konkurrieren um dieselbe Zielgruppe”…

  3. BFX

    Wenn ich nur diesen Beitrag lesen würde, müsste ich mich fragen, ob ich hier richtig bin.

    Natürlich ist das Wort Feind zu hart, aber klar ist es doch Openstreetmaps Ziel dem Quasimonopolisten eine Alternative entgegenzustellen oder eine Alternativen zu ermöglichen.

    Openstreetmap ist wie nicht wie Google Maps, sondern die Möglichkeit Programme, Karten und andere Projekte zu realisieren, die sonst aufgrund der Kosten für Geodaten niemals umgesetzt werden könnten. Google Maps ist eine Karte mit schönen Satelitenbildern. Openstreetmap sind die Daten und erst in zweiter oder dritter Linie die Karten aus diesen Daten.

    Die Unterstützung von Google und auch Bing gibt es doch nicht weil die ein Interesse an freien Daten haben. Sondern aus eigenen Interessen.

    Microsoft hängt Google in vielen Bereichen meilenweit hinterher und hat sicher nicht die Möglichkeit ohne massive Investitionen Daten von ähnlicher Qualität zu nutzen.

    Und Google schläft nicht und würde heute mit Sicherheit nicht dort sein, wo sie heute sind, wenn sie Projekte wie OSM ignorieren würden. Warum selber Hand anlegen etwas zu entwickeln, wenn es Leute gibt die diese Arbeit kostenlos erledigen. Glaubt ihr nicht, dass das Geld durch verbesserungen über den Map Maker wieder drin ist?

    Hat ein Programm das durch OSM Daten ermöglicht wird Erfolg oder sieht erfolgversprechend aus ist Google sicherlich der Erste, der Interesse zeigt und die Entwickler einstellt, die Rechte aufkauft und mit entsprechender personeller und finanzieller Unterstützung ganz nach oben bringt.

    Ganz so wie bei dem von der OSMF geschätzten Google Docs.

    Ist es bei dem von vielen hier als Halbgott verehrten Steve C anders?
    Ja, hier hat sich Microsoft und nicht Google bedeutenden Einfluss.

    Zum Thema Datenschutz:
    Was ist denn Googles Motiv einen Emailservice anzubieten? Nächstenliebe oder das Geld dass man durch die analysierten Daten scheffeln kann? Das macht Google aus meiner Sicht “böse”, auch wenn manche (und nicht Ich oder jeder andere Leser) bereit sind für einen Service diese Daten preiszugeben. Und der Service den Google dafür anbietet ist halt ein kostenloser und technologisch überlegener E-Mail-Dienst.

  4. BFX

    We are not enemys, but friends?

    Auch wenn ich OSM und Google nicht als Feinde bezeichnen würde, ist es aus meiner Sicht ein klares Ziel von Openstreetmaps dem Quasimonopolisten eine Alternative entgegenzustellen oder eine Alternativen zu ermöglichen.

    Openstreetmap ist wie nicht wie Google Maps, sondern die Möglichkeit Programme, Karten und andere Projekte zu realisieren, die sonst aufgrund der Kosten für Geodaten niemals umgesetzt werden könnten. Google Maps ist eine Karte mit schönen Satelitenbildern. Openstreetmap sind die Daten und erst in zweiter oder dritter Linie die Karten aus diesen Daten.

    Die Unterstützung von Google und auch Bing gibt es doch nicht weil die ein Interesse an freien Daten haben. Sondern aus eigenen Interessen.

    Microsoft hängt Google in vielen Bereichen meilenweit hinterher und hat sicher nicht die Möglichkeit ohne massive Investitionen Daten von ähnlicher Qualität zu nutzen.

    Und Google schläft nicht und würde heute mit Sicherheit nicht dort sein, wo sie heute sind, wenn sie Projekte wie OSM ignorieren würden. Warum selber Hand anlegen etwas zu entwickeln, wenn es Leute gibt die diese Arbeit kostenlos erledigen. Glaubt ihr nicht, dass das Geld durch verbesserungen über den Map Maker wieder drin ist?

    Hat ein Programm das durch OSM Daten ermöglicht wird Erfolg oder sieht erfolgversprechend aus ist Google sicherlich der Erste, der Interesse zeigt und die Entwickler einstellt, die Rechte aufkauft und mit entsprechender personeller und finanzieller Unterstützung ganz nach oben bringt.

    Ganz so wie bei dem von der OSMF geschätzten Google Docs.

    Ist es bei dem von vielen hier als Halbgott verehrten Steve C anders?
    Ja, hier hat sich Microsoft und nicht Google bedeutenden Einfluss.

    Zum Thema Datenschutz:
    Was ist denn Googles Motiv einen Emailservice anzubieten? Nächstenliebe oder das Geld dass man durch die analysierten Daten scheffeln kann? Das macht Google aus meiner Sicht “böse”, auch wenn manche (und nicht Ich oder jeder andere Leser) bereit sind für einen Service diese Daten preiszugeben. Und der Service den Google dafür anbietet ist halt ein kostenloser und technologisch überlegener E-Mail-Dienst.

  5. Pingback: Google n'est pas notre ennemi

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