Medion S3857 – Outdoor-GPS mit OSM-Karten

Auf der IFA wurde von Medion ein Outdoor-GPS-Gerät angekündigt, das nativ mit OpenStreetMap (OSM) Karten ausgeliefert wird (nach dem Xplova G3 unseres Wissens nach erst das zweite Gerät weltweit) und welches von einigen unserer Stammautoren in den letzten Wochen getestet wurde. Es gibt zwar bereits einen Test, aber wie gut OSM mit dem Gerät nutzbar ist, und ob es für den Mapperalltag taugt, könnt ihr im Folgenden lesen.

Das Gerät

Wenn man das S3857 GPS aus seinem Karton befreit, ist man angenehm überrascht, da das Format eher einem Smartphone als einem buckligem Garmin entspricht und mit seinen 150 Gramm sehr gut in der Hand liegt. Der beiliegende Fahrradhalter macht deutlich, dass als potentielle Nutzer wohl in erster Linie auch Zweiradpiloten angesprochen werden sollen.

Die inneren Werte entsprechen durchaus dem Standard heutiger GPS-Geräte und früherer PDAs oder Smartphones. Ein 400MHz ARM Prozessor mit 128MB RAM sollten eigentlich mehr als ausreichend sein für Windows CE 5, sowie ein SiRFStar III GPS Chipsatz und 8GB Flash für Kartenmaterial sollte eine sehr gute Navigation ermöglichen. Unterstützung kommt noch von einem elektronischen Kompass und einem barometrischen Höhenmesser, beides Peripherie, die sonst nur höherpreisigen Serien der GPS-Geräte-Hersteller vorbehalten bleibt. Merkwürdig ist nur, dass ein erster Fix nach einem Warmstart trotzdem geschlagene 1:35 Minuten braucht.

Für einen kompletten Start der Software benötigt das Gerät nur 24 Sekunden, die auch nur selten notwendig sind (etwa nach einer Synchronisation mit dem PC), ansonsten wird mit dem Ausschalten nur ein Dämmerschlaf eingeleitet, aus dem es sehr schnell wieder erwacht. Der Akku ist direkt in das Gerät integriert und lässt sich während eines Ausflugs nicht wechseln. Mit der Fahrradhalterung (Schelle für den Lenker, Montageplatte für das Gerät) lässt sich das Gerät recht einfach am Lenker montieren und mit dem Schwanenhals ausrichten. Diese Konstruktion hält zwar, wackelt aber auf holpriger Strecke und wird für Motorräder ungeeignet sein. Eine Schlaufe oder andere Möglichkeit zur Sicherung oder für das Halten am Gürtel ist leider nicht vorgesehen. Insgesamt wirkt das gummierte Gehäuse sehr robust und wertig, wenn es auch sicherlich trotz Wasserschutz (IPX) nicht für das Überlebenstraining gedacht ist. Das Display wirkt im Vergleich mit einem Garmin Oregon recht hell und gefiel uns von Anfang an.

Die Software ist eine Update: angepasste Version von TwoNav von CompeGPS Eigenentwicklung von Medion namens GoPal Outdoor 2.1.2, welche wir in der Firmware Version 2.0.1942 mit OSM Daten von 07/2011 getestet haben. Die Karten lassen sich nur über eine unter Windows laufende Desktop-Anwendung Medion GoPal Assistant verwalten. Ein SD-Kartenslot ist nicht vorhanden. Über den rückseitig angebrachten Mini-USB Anschluss meldet sich das Gerät unter Linux aber als externen Datenträger, über den eine Kartenverwaltung nicht vorgesehen zu sein scheint und uns eine solche auch nicht gelang. Das Kartenmaterial liegt in Form von vielen ebmd Dateien vor, die trotz Klartextdaten erstaunlich klein sind.

Die Bedienung

Die Bedienung erfolgt ausschließlich über das 3″ Touchscreen, was generell im Winter (Handschuhe!) Nachteile gegenüber klassischen Tasten hat, jedoch in jüngster Zeit auch bei vielen anderen Herstellern in Mode gekommen ist. Die Karte wird fast im Vollbild angezeigt, ergänzt von 2 benutzerdefinierten Infoboxen. Zusätzliche Elemente, mit dem man die Karte steuern oder auch Aufzeichnungen starten und Wegpunkte setzen kann, erscheinen nach Berühren des Bildschirms. Das Setzen von Wegpunkten gleicht allerdings einer Geduldsprobe, da recht exakt ein Doppelklick auf dieselbe Stelle gemacht werden muss. Wie das bei einer Fahrradtour gehen soll, ist uns schleierhaft. Zwischen zwei verfügbaren Kartenstilen kann gewechselt werden, wovon der erste dem von OSM bekannten Mapnik-Layer gleicht und der zweite besonders für Gelände (stärkerer Kontrast) geeignet ist. Beide Stile zeigen Straßen- und Wegenetz (Bild), Gebäude und viele OSM-POIs an, wobei jede Ebene auch einzeln abgeschaltet werden kann. Teilweise ist die Darstellung jedoch viel zu klein, so dass Hausnummern, Wege, Einbahnpfeile und einige Icons nur mit starker Konzentration lesbar sind. Auffällig ist, dass zu den Marken von Einkaufszentren die passenden Logos auf der Karte (Bild) angezeigt werden. Wer einen kleinen Eindruck der Oberfläche gewinnen möchte, kann ja den Online Simulator von GoPal-Navigator.de ausprobieren.

Ein großes Ärgernis stellt in der Realität die sehr träge Bedienung der Karte dar. Teilweise dauert es mehrere Sekunden, ehe der neue Bereich nach einem Ziehen dargestellt wird. Nachdem wir alle Karten (außer OSM DE) gelöscht hatten, schien das Gerät etwas schneller auf Nutzereingaben zu reagieren, aber wirklich schnell war dies trotzdem nicht. Hier gibt es massiven Nachholbedarf für Medion. Auch die jetzigen Einstellungen für die einzelnen Zoomstufen sind nicht unbedingt sinnvoll. So werden Gebäude erst auf 50m angezeigt aber von vielen anderen POIs auch überlagert. Bei 500m hat man leider kein Straßennetz mehr, obwohl man in dem Bereich gerade erst eine kleinere Stadt überblicken kann.
Sehr positiv fiel uns jedoch das einfach gehaltene Hauptmenü auf, welches sich auf wesentliche Features zur Navigation beschränkt und damit viel schlanker als das der gewöhnlichen Navis von Garmin und Magellan geraten ist. Allerdings ist der seitlich dargestellte Slider, mithilfe dessen durch das Menü gescrollt werden kann, viel zu klein und schlecht zu treffen, denn Gesten werden nicht unterstützt.

Die Addressuche funktioniert – wie bei anderen Geräten – bis auf kleine Ausnahmen (keine direkte Umlaute, teilweise unpassende Suchergebnisse) recht intuitiv und überraschend schnell (ca. 3 Sekunden pro Anfrage). Das Gerät kennt nur dann die Hausnummern in einer Straße, wenn diese in OSM erfasst wurden. Dabei gibt es keinen Überblick über vorhandene Hausnummern. Sind in einer Straße keine Hausnummern vorhanden, zeigt das Gerät Kreuzungen mit anderen Straßen als Auswahl zur Zielnavigation an. Die Vielfalt der OSM-Objekte spiegelt sich in den auswählbaren POI Kategorien wieder, wobei wir uns darüber wunderten, dass Hubschrauber-Landeplätze oder Kasernen auswählbar waren, aber die vielleicht etwas näherliegenden POI Typen für Fahrrad- oder Outdoorläden nicht auffindbar waren. Ein paar Probleme scheint es auch noch bei POIs zu geben, die direkt an Gebäude getaggt sind.

Leider lässt sich anhand der zurückgelieferten Ergebnisliste nicht herausfinden, welches das günstigste Ziel ist und wo es sich grob befindet.
Für gewöhnliche Fahrradrouten dauert die Berechnung etwa 10 Sekunden (siehe Kasten): Dann wird die Route kurz komplett angezeigt und danach wieder auf die aktuelle Position gezoomt. Die meisten von uns getesteten vorgeschlagenen Fußgängerrouten erschienen uns sinnvoll, sofern das Aktivieren des Fußgängerroutings in den Optionen nicht vergessen wurde. Leider können außer der Nutzung von Fähren und der Bindung an Straßen keine weitere Parameter für das Routing gesetzt werden.

Während der Fahrt unterstützt das Medion S3857 den User lediglich mit einer Distanz-Markierung auf der Windrose, die die Richtung des nächsten Wegpunkt anzeigt. Hier bleibt das Gerät weit hinter den Möglichkeiten, die die Hardware in Kombination mit OSM-Daten hergeben würde. Das reicht von einem sich selbst aktivierenden Display mit großem Abbiegepfeil, mit Piepstönen bis hin zu einer Ansage „Bitte fahren Sie hinter der Litfaßsäule wieder auf den Gehweg auf“. Verbesserung würden auch der Clip-to-road Funktion gut tun, denn derzeit möchte sie uns auch bei einer Straßenbahn-Fahrt viel lieber auf der parallelen Straße sehen. Außerdem wird bisher leider nicht selbstständig erneut geroutet, wenn man deutlich von der Strecke abweicht.

Die Anbindung an den PC

Das Gerät wird mittels USB an den Windows-Rechner angeschlossen und dort standardmäßig als ActiveSync Gerät erkannt, wie dies für die meisten unter Windows CE laufenden Geräte üblich ist. Über die beiliegende DVD wird der GoPal Assistant installiert, der nach dem ersten Start zunächst alle Karten darauf analysieren muss (Dauer: 20 Minuten). Danach lassen sich Karten beliebig auf den Medion S3857 laden oder löschen. Daneben soll der GoPal Assistant ein Updaten der Firmware und des Kartenmaterials erlauben. Beides konnten wir nicht testen, da bisher der assoziierte Online-Shop noch gar nicht gestartet ist. Wir wollen in diesem Zusammenhang nicht verschweigen, dass einige Käufer sich darüber bereits in diversen Foren beschwert haben. Auf unsere Anfrage, wie Apple- und Linux-Nutzer ohne den GoPal Assistant mit dem Medion S3857 arbeiten können, hat uns Medion leider bislang noch nicht geantwortet.

Unterwegs für OSM

Das Erfassen von Geodaten für OSM ist mit dem Gerät nicht schwer, auch wenn eine Einbindung von OpenStreetBugs und die Anzeige eigener aktueller Karten auf dem Gerät sinnvoll wären. Mit einem Klick lassen sich Track-Aufzeichnungen starten. Das voreingestellte Logging-Intervall von übertriebenen 30 Sekunden sollte allerdings zunächst (in den Einstellungen ) geändert werden. Die Tracks werden im Menüpunkt „Ziele und Wege“ verwaltet und lassen sich anzeigen. Zumindest drinnen und ohne aktivierte Trackaufzeichnung hielt der Akku über 10 Stunden bei minimaler LCD-Helligkeit, genügend also für die meisten Mapping-Ausflüge, zu wenig aber für vielleicht mehrtägige Radtouren.

GPX Tracks

Über Extras –> GPX Export werden die aufgezeichneten Tracks als GPX Dateien in den per Mass-Storage-Mode zugänglichen Teil des Speichers gebracht und von dort auf den Rechner übertragen. Analog geht man vor, wenn man GPX Tracks auf das Gerät importieren möchte. Warum diese umständliche Methode gewählt wurde, statt die Tracks gleich im Speicher zugänglich zu machen, ist aus Benutzersicht nicht nachvollziehbar. Die Tracks enthalten zwar Höhenprofilinformationen, aber, wie bei einigen anderen Geräten auch, keine Angaben über die Empfangsqualität (DOP).
Was uns nicht gefiel, weil es eine potentielle Fehlerquelle für das Erfassen von Daten darstellt: Während der Navigation per Route wird eben jene Route als Track gespeichert. Die Wegpunkte „rasten“ dann auf den nächst gelegenen Weg des Kartenmaterials ein und ein Erfassen neuer Wege wird erschwert. Abhilfe schafft die Umstellung der Navigation auf Luftlinie. Daneben wird die Darstellung (noch) träger, wenn viele Punkte in der Karte zu sehen sind, da offenbar alten Trackpunkte nicht automatisch entfernt werden.

UPDATE 8.5.12: Es gibt mittlerweile eine aktualisierte Firmware, die einige Verbesserungen und Änderungen mit sich bringt, mehr dazu im Artikel.

Das Fazit

Wir haben uns bei unserem Test besonders dafür interessiert, inwiefern das Medion S3857 für den Einsatz bei OpenStreetMap tauglich ist. Nicht berücksichtigt haben wir seine Eignung für Geocaching oder andere Outdoor-Aktivitäten, denn dies können entsprechende Communities besser bewerten. Hier sind die persönlichen Fazits der Tester:

Stephan
Ich würde das Gerät definitiv nicht kaufen, da es 1. nicht responsiv reagiert (z.B. beim Verschieben der Kartenansicht), 2. über keinen auswechselbaren Akku (ungeeignet bei längeren Touren) und keinen Speicherkartenslot (Erweiterbarkeit?) verfügt, und 3. bisher unklar ist, ob wir als Mapper eigene OSM-Karten für das Gerät erstellen und nutzen können. Der Vorstoß von Medion ist dennoch begrüßenswert.

Martin
Mir persönlich ist mein jetziges Outdoor-GPS allerdings lieber, das kann ich auch mit Handschuhen bedienen und ich brauche kein Windows zum Kartenupdate. Der ambitioniertere OSMler, der dann auch seine eigenen Karten installieren will, sollte sich noch zurückhalten, da die Möglichkeit der Benutzung eigener Karten noch unklar ist.
Im Endergebnis also für den Einsteiger in die OSM-Welt eine eingeschränkte Empfehlung, wer aber tiefer ins Mappen einsteigen will, sollte sich unbedingt auch die Konkurrenzprodukte ansehen und gut vergleichen.

Matthias
Leider keine Kaufempfehlung. Mir gefällt die Hardware sehr gut und eigentlich könnte es das ideale „OSM to go“ Gerät gerade für Unbedarfte sein, doch leider ist der jetzige Software-Stand so unreif, dass die Nutzung echt keinen großen Spass bereitet. Ich finde es jedoch super, dass da Garmin Konkurrenz bekommt 🙂

Edbert
Wegen des im Vergleich zum Garmin Oregon schlechteren Empfangs und der ungeschickten Track-Aufzeichnung scheint mir das Medion S3857 nur zweite Wahl für OSM-Aktivitäten zu sein. In der Summe gibt es zudem zu viele Kleinigkeiten, die das Arbeiten mit diesem Gerät unnötig schwer machen.

Verlosung

Bald ist Weihnachten und deshalb verlosen wir ein Gerät! Um an der Verlosung teilzunehmen, schreibt bis zum 19.12.2011 in den Kommentaren mindestens euren OSM Usernamen (z.B. SteveC). Den Gewinner geben wir in der nächsten Wochennotiz bekannt. Der Rechtsweg ist natürlich auch bei uns ausgeschlossen 🙂

Update: Wir haben den Gewinner per Zufallsgewinngenerator ermittelt. Und gewonnen hat….. Florian3. Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß mit dem Gerät.

und ab in den GPS-Verleih…

Die fünf Testgeräte sind übrigens inzwischen im GPS-Verleih angekommen und können für Ausflüge mit Klassen oder Mapping Parties mit vielen Neulingen genutzt werden. Die Unzulänglichkeiten, die wir beim Testen gefunden haben, haben wir Medion schon mitgeteilt und werden die Antwort entsprechend ergänzen.

Wir danken Medion für das Bereitstellen der Testgeräte und den Testern Matthias, Martin, Edbert und Stephan für ihre Zeit und ihr Engagement.

PS: Wenn ihr euch mehr Beiträge dieser Art wünscht, schreibt das doch einfach in einen Kommentar.

Matthias

Matthias studiert Informatik in Rostock und stieß durch ein universitäres Projekt auf OSM. Seitdem hat ihn dieser Teil der OpenData Bewegung nicht mehr losgelassen und er probiert mit vielen anderen zusammen die Qualität in Mecklenburg-Vorpommern voran zu bringen. Insbesondere probiert er auch neue Leute für das Projekt zu motivieren, indem er mit Ämtern und der Presse kommuniziert.

Kategorie: Artikel, Tests

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