Warum man OpenStreetMap nicht mit Wikipedia gleichsetzen kann

Häufig wird das OpenStreetMap-Projekt mit dem Wikipedia-Projekt verglichen. Auch wenn viele Ähnlichkeiten existieren, gibt es doch fundamentale Unterschiede. Wenn man Wikipedia zum Vergleich mit OpenStreetMap heranzieht, muss man darauf achten, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht.

Die Betrachtung der Wertschöpfungskette

Das Wikipedia-Projekt deckt die komplette Wertschöpfungskette ab: Es liefert die Werkzeuge, um neue Inhalte zu erstellen, hält die Inhalte in eigenen Datenbanken vor und stellt die Software bereit, durch die der Wikipedia-Content konsumiert wird. Wikipedia hat de facto die Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette, da die Inhalte überwiegend über die Wikipedia-eigenen Kanäle konsumiert werden.

Das OpenStreetMap-Projekt ist anders gelagert: es gibt tausende von Arten, wie die Geodaten genutzt werden können. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viele unterschiedliche Arten es gibt, braucht man einfach nur mal in den App-Stores von Apple und Google zu stöbern.

Die Werkzeuge, um Geodaten zu erfassen, vorzuhalten und zu verteilen, sind vollständig unabhängig voneinander. Nur die Datenbankstruktur und die Programmierschnittstelle (API), um auf die Daten zuzugreifen, liegen in der Kontrolle des OpenStreetMap-Projekts.

Die Betrachtung des Marktes

Es hat immer eine Vielzahl an Lexika gegeben. Einige Lexika-Anbieter sind sogar aufgrund aufgrund des harten Wettbewerbs aus dem Markt gedrängt worden oder haben das Geschäft mangels Profitabilität eingestellt.

Auf der anderen Seite gibt es nicht einmal eine Handvoll an Anbietern von digitalen Straßenkarten oder Geodaten mit internationaler Ausprägung. In der Tat gibt es bis heute nur zwei Anbieter, die digitale (Straßen-)Karten von internationalem Umfang besitzen.

Aber es gibt viele Unternehmen – auch sehr große, globale Unternehmen – die digitales Kartenmaterial benötigen.

Die Kombination von wenigen Anbietern und vielen Nachfragern führt zu hohen Preisen, wenn man das Kartenmaterial von den wenigen Kartenanbietern direkt lizenzieren möchte. OpenStreetMap-Daten sind freie Daten, und frei gilt hier auch im Sinne von kostenlos. Sobald Abdeckung und Qualität eine kritische Schwelle überschreiten, kann die OpenStreetMap eine ganze Industrie verändern.

Während die großen Unternehmen dem Wikipedia-Projekt meistens Geldspenden zukommen lassen, um ein besseres Ansehen zu erlangen, haben einige große Unternehmen angefangen, sich in die Technologie von OpenStreetMap einzuarbeiten und diese in die eigenen Produkte zu integrieren. Das ist ein Zeichen für ein erhebliches Interesse an einer weiteren Quelle für digitales Kartenmaterial gibt, das über Marketingzwecke hinaus geht.

Oliver ist OSMF-Board-Mitglied und Mitbegründer von skobbler, die Software auf Basis von  OpenStreetMap herstellen. Er bloggt normalerweise auf http://www.abalakov.com/ und hat von dort einen Artikel übersetzt, den er hier als Gastautor veröffentlicht.

Oliver

Oliver ist OSMF-Board-Mitglied und Mitbegründer von skobbler, die Software auf Basis von OpenStreetMap herstellen. Er bloggt normalerweise auf http://www.abalakov.com/ und hat diese Artikel als Gastautor veröffentlicht.

Kategorie: Gastblog

  1. kerosin

    flüchtigkeitsfehler im dritten satz: hier fehlt entweder ein “man” oder man sagt “muss darauf geachtet werden”.

  2. Marc

    @kerosin: geändert.

  3. Markus

    Die Gemeinsamkeiten von OpenStreetMap und Wikipedia sind grösser als man glaubt:
    – freie Daten für freie Bürger
    – Mitmach-Projekt
    – weltweit
    – topaktuell
    – riesige eingeschworene Community
    – geschlossene Wertschöpfungskette

    Die Unterschiede sind m.E. eher entwicklungsgeschichtlich und verblassen durch die Benutzerorientierung zunehmend. Für den Benutzer zählt, wie gut die Karte seine Anforderungen erfüllt. Tut sie es gut, dann wird OpenStreetMap zum Synonym für “Weltkarte”. Genauso wie Wikipedia zum Synonym “Wissen” wurde.

    Früher waren die OSM’er “Datensammler”. Aber zunehmend sind sie Anwender: Wanderer, Radfahrer, Segler, Autofahrer, Naturschützer, Stadtplaner, Feuerwehrleute, etc. etc. Der Vielfalt von OpenStreetMap sind keine Grenzen gesetzt. Und mit den Bedürfnissen der Anwender kommen die Anwendungen: spezialisierte Routing-Programme, Spezialkarten, frei wählbare Layer, schnelle Suchprogramme, Verknüpfungen mit Adressen, Bildern, und vielem mehr. Selbstverständlich auch die Verknüpfung mit Wikipedia.

    Der “Markt” will ein Markenzeichen. Die Besten werden sich durchsetzen.
    Wikipedia für Wissen, OpenStreetMap für Karten.

    Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Vielfalt überschaubar zu halten, damit der Benutzer schnell und punktgenau das findet was er sucht. Genau wie bei Wikipedia.
    Und ob es gelingt, die Mitmach-Idee weltweit zu etablieren. Da ist OpenStreetMap m.E. etwas besser als Wikipedia 🙂