OpenStreetMap und der öffentliche Nahverkehr gehören zusammen

Letzte Woche habe ich Marcel Hövelmann vom Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) und Thomas Reincke vom Aachener Verkehrsbund (AVV) getroffen. Beiden gemein ist, dass sie für einen Verkehrsverbund arbeiten und sich sowohl für ihren Verbund als auch persönlich sehr stark bei OpenStreetMap engagieren.

Ich sehe eine große Zukunft für das Zusammenspiel von der OpenStreetMap-Karte mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Marcel und Thomas haben meine Einschätzung mit schlagkräftigen Argumenten untermauert.

Wo gibt es bereits Schnittstellen zwischen OpenStreetMap und dem ÖPNV?

Melchior Moos hat eine dedizierte Karte erstellt, die ÖPNV-Karte, die die Bahn- und Buslinien sowie Haltestellen sichtbar macht, die sich ansonsten in der OSM-Datenbank in Attributen und Relationen „verstecken“.

Bei den Verkehrsverbünden nimmt der AVV eine Vorreiterrolle ein: Thomas hat mir die Beta-Version der neuen Internet-Fahrplanauskunft des Aachener Verkehrsverbundes vorgestellt, die alle berechneten Verbindungen auf der OpenStreetMap-Karte darstellt.

Da die angezeigten Routen noch auf Basis einer alten Karte gezeichnet werden, kann es vorübergehend zu geringen Abweichungen zwischen den Routen und den Straßen oder Bahnlinien der OpenStreetMap-Karte kommen. Die Routen sollen aber zeitnah auf die OpenStreetMap-Karte ausgerichtet werden.

Auch im VRS wird der Einsatz der OpenStreetMap-Karte als Hintergrund in den kommenden Monaten getestet; erste Umsetzungen werden im Laufe des Jahres 2011 angestrebt.

Warum haben die Verkehrsverbünde ein Interesse an der OpenStreetMap-Karte?

Zunächst einmal sind es meist nicht die Verkehrsbetriebe, die sich um die kommunalübergreifenden (Online-) Fahrpläne kümmern, sondern die Verkehrsverbünde. Diese ermöglichen dann die Online-Abfrage von Verbindungen innerhalb des Verbundgebiets und darüber hinaus auch in die angrenzenden Bereiche. So ist derzeit sowohl bei AVV und VRS eine ÖPNV-Auskunft für ganz NRW möglich. Die Fahrplanauskunft des AVV umfasst zusätzlich die belgische Provinz Lüttich sowie die niederländische Provinz Limburg. Die Fahrplanauskunft des VRS umfasst zusätzlich das nördliche Rheinland-Pfalz.

Und hier fangen die Probleme mit „normalen Karten“ auch schon an: Häufig enden die vorhandenen amtlichen Karten an den Ländergrenzen. In grenznahen Bereichen wie Aachen aber gibt es intensive grenzüberschreitende Verflechtungen.

Zudem ist die OpenStreetMap-Karte meist aktueller als alle anderen verfügbaren Karten. Und dann kommt noch ein ganz wichtiger Grund dazu: Für die Verkehrsverbünde reicht meist nicht aus, einfach einen Haltestellenpunkt auf einer Karte einzuzeichnen. Es werden viele weitere Detail-Informationen für das Umfeld der Haltestelle benötigt: Ist die Haltestelle behindertengerecht (Stichwort: Barrierefreiheit)? Wo sind die Ein- und Ausgänge der U-Bahn? Gibt es eine Fußwegverbindung zu einer umliegenden Haltestelle? Das aber sind noch längst nicht alle Detailfragen.

Erfassung und Aktualisierung dieser Detailinformationen im Haltestellenbereich sind für die Verkehrsverbünde kaum realisierbar. Diese Informationen sind in der Regel nur bei den einzelnen Verkehrsunternehmen vorhanden. Hier kann die OpenStreetMap-Karte ihren Vorteil des Crowdsourcings ausspielen und von der Ortskompetenz der 300.000 registrierten Nutzer profitieren.

Wie sieht die Zusammenarbeit der OpenStreetMap-Community und den Verkehrsverbänden aus?

Für die Erfassung der speziellen Attribute im öffentlichen Personennahverkehr wurde ein Regelwerk erarbeitet, das sich Oxomoa/ÖPNV-Schema nennt und als Work-In-Progress zu verstehen ist.

Zwischen dem Aachener Verkehrsverbund und der lokalen OpenStreetMap-Community besteht eine funktionierende Zusammenarbeit. Gleiches gilt für den Verkehrsverbund Rhein-Sieg, bei dem Marcel Hövelmann die Schnittstelle zur lokalen OSM-Community bildet.

Beide haben ein besonderes Interesse daran, dass erst mal eine vollständige Erfassung der Haltestellen im jeweiligen Verbundgebiet gemeldet werden kann, möglichst mit der vom Verkehrsverbund vergebenen „lebenslangen Haltestellennummer“. Als weiteres Ziel ist die möglichst detaillierte Erfassung der jeweiligen Haltestellenbereiche zu verstehen.

Über die „lebenslange Haltestellennummer“ wird die Möglichkeit geschaffen, direkt aus OSM-Werken auf die jeweilige lokale Fahrplanauskunft zuzugreifen und die Datenbestände gegenseitig mit geringem Aufwand abzugleichen.

Marcel plant gemeinsam mit der lokalen OSM-Community für Anfang Dezember zum kommenden Fahrplanwechsel einen Workshop, bei dem die Zusammenarbeit zwischen lokaler OSM-Community und dem VRS nochmals intensiviert werden soll. In der Veranstaltung soll dann u.a. auch diskutiert bzw. vermittelt werden, wie die speziellen Attribute für den ÖPNV mit den OpenStreetMap-Editoren erfasst werden können. Im Praxisteil soll dies dann an den zum Fahrplanwechsel erfolgten Änderungen durchgeführt werden.

Wo liegt die Herausforderung bei dem Einsatz von OpenStreetMap-Daten?

Zum einen ist die Erfassung der Bus- und Bahn-Linien über die Relationen noch ziemlich kompliziert. Aus diesem Grund wird auch ein spezieller Editor für die Erfassung von ÖPNV-Attributen in Erwägung gezogen.

Zum anderen muss eine Lösung gefunden werden, wie die OpenStreetMap-Karte im produktiven Einsatz von (falschen) Änderungen entkoppelt werden kann, ohne dass auf die Vorzüge der Aktualität der OSM-Karte verzichtet werden muss. Auch bei der Visualisierung der Strecken beim neuen Fahrplan des AVV werden die Haltestellen noch getrennt von der OpenStreetMap-Karte vorgehalten. Langfristig sollen aber alle Haltestellen in der OpenStreetMap-Karte und dem Fahrplan des AVV synchronisiert sein. Auch im VRS ist solch ein bidirektionaler Austausch von Daten angestrebt.

Verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Geldern  durch OpenSource

AVV und VRS setzen auf OpenSource. Server und Contentmanagementsystem beim AVV und VRS basieren schon seit längerem auf OpenSource-Komponenten. Die Umstellung der Benutzerschnittstelle der Internet-Fahrplanauskunft beim AVV auf OpenSource-Komponenten ist aber eine echte Innovation in diesem Bereich. Entwicklungsaufwand und -zeit konnten durch den Einsatz fertiger OpenSource-Komponenten erheblich reduziert werden. Der VRS wird ab 2011 nachziehen.

Mit der Kombination von OpenSource-Komponenten und der OpenStreetMap-Karte kommen AVV und VRS ihrer Verantwortung nach, besonders sparsam mit den öffentlichen Mitteln zu haushalten. Ein weiterer Vorteil von OpenSource für den AVV und VRS ist, dass sie nicht langfristig an einen einzelnen Softwareanbieter gebunden sind und so einen hohen Freiheitsgrad bei der Vergabe künftiger Aufträge im Zusammenhang mit der Fahrplanauskunft haben.

Der VRS im OSM-Wiki: http://wiki.openstreetmap.org/wiki/VRS

Der AVV im OSM-Wiki: http://wiki.openstreetmap.org/wiki/AVV

Kontaktdaten: Marcel Hövelmann (OSM) und Thomas Reincke (OSM privat /OSM dienstlich) sind per Mail zu erreichen.

Oliver ist OSMF-Board-Mitglied und Mitbegründer von skobbler, die Software auf Basis von  OpenStreetMap herstellen. Er bloggt normalerweise auf http://www.abalakov.com/ und hat diesen Artikel als Gastautor veröffentlicht.

Oliver

Oliver ist OSMF-Board-Mitglied und Mitbegründer von skobbler, die Software auf Basis von OpenStreetMap herstellen. Er bloggt normalerweise auf http://www.abalakov.com/ und hat diese Artikel als Gastautor veröffentlicht.

Kategorie: Gastblog | Tags: , , , , , , , , , ,

  1. !i!

    Hach ich wünschte bei uns in MV wären die mal so fortschrittlich 🙂

    Wichtig ist außerdem intermodales Routing also die Nutzung verschiedener Verkehrsmittel um von A nach B zu kommen. Das geht zwar per Bahn.de aber auch mehr schlecht als Recht. Und da das länder und auch branchen übergreifend ist, kommt da OSM genau recht 😉

  2. Andy

    Ich bin aus der Stuttgarter Gegend und hab mich vor ein paar Tagen erstmals an die Kartierung einer Busverbindung gewagt. Allerdings bin ich mir nicht sicher wie ich weitermachen soll, weil mir scheint dass noch keine Entscheidung über das Schema getroffen worden ist. Ich habe jetzt mal das USP- und das Oxomoa-Schema gleichzeitig verwendet, was allerdings sehr aufwändig ist. Ich persönlich finde das Oxomoa-Schema besser, weil detaillierter und flexibler. Nun jedenfalls würde ich gerne wissen welches Schema am zukunftsfähigsten ist oder ob ich weiter beide gleichzeitig verwenden soll. Welche Erfahrungen habt ihr denn in Bonn gemacht?

  3. VRS

    Hallo Andy,
    die meisten Mapper orientieren sich hier bei uns am Oxomoa-Schema. Viel wird aber auch noch “simpler” getaggt, orientierend, an dem was die ÖPNV-Karte visualisiert. Siehe http://wiki.openstreetmap.org/wiki/DE:%C3%96pnvkarte

    Marcel

  4. Pingback: OpenStreetMap and Public Transport belong together

  5. Die Möglichkeiten, die der ÖPNV dem Openstreetmapping bietet, waren mir bis dato noch gar nicht bewusst, danke!