Von einem, der auszog, viel zu viele Hausnummern zu mappen

Ich hatte mir für die Semesterferien im Herbst viel vorgenommen. Als spontanes (und unbezahltes, bevor einer fragt) Praktikum wollte ich in 5 Wochen den gesamten Hamburger Westen für Skobbler navigationstauglich aufbereiten. Hauptpriorität waren Hausnummern, dazu Parkmöglichkeiten und Abbiegeregeln, bei Gelegenheit auch POIs u.ä. Also alles, was man so im Navigationsgerät brauchen kann. Und das, wo ich noch vor nicht allzu langer Zeit all die „Detailmapper“ müde belächelt habe…

Übersicht des Gebiets vorher

Auf der Karte sah es nicht nach allzu viel Arbeit aus (grün = Gebäude mit Hausnummer, rot = Gebäude ohne Hausnummer). Selbstbewusst ging ich schon davon aus, dass ich weit mehr schaffen würde als geplant, aber die Realität war dann doch um einiges anstrengender, zeitintensiver und umfangreicher als gedacht. Hier ist ein kleiner Bericht mit Problemen, Tipps und Tricks in der Hoffnung, dass ich auch dich vielleicht inspirieren und motivieren kann.

Bestandsaufnahme

Straßen und Wege in der Gegend waren komplett. Wir hatten 2008 dank Sven Anders eine Liste mit existierenden Straßen inklusive toller Visualisierung der „Vollständigkeit“ einzelner Bezirke. Die räumliche Genauigkeit ist nicht unbedingt allzu gut, aber dies wäre ein anderes Projekt. Großartigerweise waren dank Divjo die meisten der Gebäude schon von Luftbildern abgezeichnet, dies stellte sich als große Hilfe und letztendlich von grundlegender Bedeutung heraus.

Das Handwerkszeug

Da ich stolzer Besitzer eines Android-Smartphones (HTC Desire) bin, lag die Verwendung einer Mapping-App nahe. Für Gelegenheitsmapping und GPS-Tracking benutze ich oft OSMTracker. Als ich hiermit allerdings einmal versuchte, zügig Hausnummern zu taggen, bemerkte ich einige Hürden. Zum Einen muss man zum Eintragen einer Textnotiz (wie z.B einer Hausnummer) zu oft „touchen“. „Textnotiz“ –> in das Textfeld –> auf numerische Eingabe umschalten, dann erst ist die Eingabe von Zahlen möglich. Das dauert zu lange, selbst wenn man im Spaziergängertempo mappen will. Noch schlimmer war für mich allerdings, dass man Trackpoints weder editieren noch löschen kann. Ob ich mir noch andere Apps angesehen habe, erinnere ich jetzt gar nicht mehr. Vespucci hatte ich von vorne herein als zu fehlerträchtig und umständlich ausgeschlossen. Ich hatte es Anfang des Jahres ausprobiert und erstmal prompt einige Gebäude zerstört. Die Bedienung war für mich nicht intuitiv. Skobblers Addresshunter wäre vielleicht produktiv einzusetzen gewesen, aber es ist ja nur für iOS verfügbar.

Also wählte ich die „Oldschool“-Alternative zum neumodischen Blingbling: Papier und Stift!

Walking Papers ist ein Service genau für diesen Zweck. Damit hatte ich Karten, in welche ich die Hausnummern und anderes einfach einzeichnen konnte. Und woran ich vorher gar nicht gedacht hatte: Linien und Flächen lassen sich am einfachsten auf Papier zeichnen. Zum Beispiel eine Straße, die links und rechts verschiedene Parkregeln hat und diese am besten auch noch unterbrochen und unregelmäßig. Viel Spaß das mit x Meter genauen GPS-Punkten zu modellieren. 😉

Also: Walking Papers sollte es sein, und anfangs war ich auch ganz zufrieden. Störend war eigentlich nur, dass zwischen dem Request eines Kartenausschnitts und der Downloadbereitstellung gerne ein halbes Stündchen verging. Naja, mehr Zeit für das Frühstück… Später hatte ich allerdings immer wieder Probleme, dass die Rahmenmarken und der QR-Code Teile der Karte verdecken. Und natürlich war genau in diesen Bereichen eine komplizierte Ecke. Das war es dann mit Walking Papers. Ich habe im Endeffekt einfach direkt auf http://www.openstreetmap.org/ in Zoomlevel 17 (damit bestehende Hausnummern auch sichtbar sind) die Exportfunktion benutzt. Etwas Überlappung an den Rändern und fertig. Hierbei ganz wichtig: Auf jeden Ausdruck eine Beschriftung, wo welches Blatt hingehört. Ich bin draussen teilweise „etwas“ durcheinander gekommen. Und wasserfest (Laserdrucker) zu drucken lohnt sich.

Symbolik

Hausnummern aufschreiben ist einfach. Da die meisten Grundrisse ja schon in OSM waren, musste ich nur die richtige Zahl in das richtige Polygon malen. Mit Smartphone & GPS & OSMTracker in der Hand konnte ich immer sehen, wo ich gerade war und damit auch, vor welchen Haus ich stand. Manchmal war der Versatz allerdings schon groß, hier half es, wenn die Gebäude etwas detaillierter gemappt worden waren (oft reichte es schon zu sehen, dass z.B. zwei große hintereinander und dann ein kleines nach hinten versetzt kam). In manchen Straßen zeichnete ich aber grob alles neu und dann zuhause von den frischen Bingbildern richtig ab. Schmerzlich lernen musste ich, dass man die Häuser auf dem Papier klar ihrer jeweiligen Straße zuordnen sollte, aber was im Feld noch logisch erscheint, kann zuhause zu kompletter Verwirrung führen („zu welcher der beiden Straßen gehört Hausnummer 1“). An Kreuzungen gab es öfters Häuser, die ich nicht zuordnen konnte.

Ein Beispiel meiner NotizenEtwas länger dauerte es bis ich eine gute Symbolik für die Parkmöglichkeiten gefunden hatte. Hier gibt es ja viele verschiedene Attribute, z.B. inline=left, diagonal=right, on_street, on_kerb, no_stopping, no_parking, condition=free und so weiter. Im Endeffekt ganz einfach aufzunehmen: Die Art der Lane habe ich einfach gezeichnet, für inline einfach einen Strich dem Straßenrand folgend. Diagonal und rechtwinklig stattdessen mit diagonalen und rechtwinkligen Strichen (genial oder?). Um zwischen on_street und on_kerb zu unterscheiden, schrieb ich einfach ein „S“ oder ein „K“ dazu. Für no_stopping/-parking das Straßenschild als Symbol und einen Pfeil in die jeweilige Richtung. Nach einiger Zeit ging es hiermit zügig und einfach zu Hause nachzuvollziehen.

Ein weiteres Beispiel

Aus dieser Papierskizze wurde folgende Karte:

So ausgerüstet bin ich dann jeden Tag vier bis fünf Stunden durch die Straßen gelaufen und habe anschließend zuhause die aufgenommenen Informationen in OSM eingepflegt. Dabei musste ich schnell feststellen, dass es doch bei weitem nicht so schnell ging wie gedacht. Auch die häusliche Arbeit nahm weit mehr Zeit in Anspruch als geplant.

JOSM

Ich bin ein JOSM-Nutzer. Keine Ahnung, ob es mit Potlatch oder einem anderen Editor einfacher gewesen wäre. Mit JOSM war es eine Menge Klickerei, die aber nach einiger Zeit ins „Muskelmemory“ ging. Rechte Hand: Linksklick auf Gebäudepolygon, Linke Hand: <alt+b>, Rechte Hand: Hausnummer, <enter> und das nächste Haus. Auch bei der Reihenfolge der einzutragenden Features konnte ich viel Zeit sparen. Im Endeffekt habe ich zuerst die Parking-Regeln getaggt, da diese am nervigsten waren (das Schlimmste zuerst!). Dann die addr:*-Keys der Häuser, aber ohne die Hausnummern. Also nur Straße, PLZ etc. In diesem Schritt habe ich gegebenenfalls auch fehlende Gebäude und building=entrance-Nodes hinzugefügt. Zum Schluss kam dann der Hausnummer-Marathon. Damit war ich immer auf eine Sache konzentriert, musste nicht umdenken und konnte mir das Schönste für den Schluss aufheben.

Parkfrust

Das Einpflegen der Parkmöglichkeiten war anstrengend und frustrierend. Kaum eine Straße hatte über ihre ganze Länge eine einheitliche Regelung, sondern oft waren es zum Beispiel 10 Meter lang Parkverbot rechts, dann 5 Meter Halteverbot links, anschließend 20 Meter Parkplätze auf beiden Seiten, dann auf einer Seite nicht mehr, sondern nur auf der anderen und so weiter und so fort. Dies im Feld aufzunehmen war mit Stift und Papier ja kein Problem, ich konnte einfach fröhlich drauflos malen. Doch im Editor war es ein Krampf. Ich musste die Wege vielfach aufsplitten und verlor anschließend teilweise die Übersicht, denn die fertig getaggten Straßen wurden genauso gerendert wie vorher. Vielleicht hätte ich mir JOSM anders konfigurieren können, doch auf die Idee kam ich überhaupt nicht.

Viel schlimmer war allerdings, dass ich beim Mappen das Gefühl hatte die Daten zu verschlechtern. Wo vorher meist 1 Wegsegment für 1 Straße war, zerhackstückelte ich diesen nun in kleine Einzelteile. Es gibt wohl kaum eine bessere Methode, aber es fühlte sich „schmutzig“ an die räumlichen Gegebenheiten für die abstrakte Information „wo darf wie geparkt werden“ zu verändern. Wer nun später die so veränderten Straßen weiterbearbeiten will, muss aufpassen nicht etwa ein Segment zu vergessen.

Unseren täglichen Fortschritt gib uns heute übermorgen

Um stets den Stand meiner Arbeit zu sehen, schrieb ich mir gleich zu Beginn einfache Renderregeln für Maperitive. Zum einen für die Hausnummern alle building=yes & addr:housenumber existiert Polygone in grün und andere building=yes in rot. Zum anderen für die Parkmöglichkeiten eine einfache „in dieser Straße ist etwas getaggt“-Übersicht, da hier ein hoher Zoomlevel nötig gewesen wäre, um linke und rechte Straßenseite zu unterscheiden. Die Parkregeln habe ich immer mal wieder geändert und angepasst.

Beispielrendering meiner Parking-Regeln in Maperitive
Leider zeigte sich schnell, dass die Geofabrik-Extrakte für Hamburg eine gewisse Verzögerung hatten, erst 2–3 Tage nach dem Editieren konnte ich meine Arbeit dann auch selbst-gerendert sehen. Für die tägliche Planung des Einsatzgebietes habe ich dann doch einfach Mapnik genommen. Maperitive hat mich aber nachhaltig sehr begeistert!

Anwohner

Fast täglich wurde ich von Anwohnern gefragt, was ich denn da tun würde. Verständlich, schließlich wirkt es schon sehr verdächtig, wenn jemand in jeden Garten guckt, am besten noch kurz stehen bleibt, auf die Haustür starrt und sich dann etwas notiert. Die meisten waren allerdings sehr nett und auch die Skeptiker waren schnell überzeugt. Ich habe mir trotzdem (und um etwas Werbung zu machen) Flyer von der Geofabrik geholt und diese dann bei Interesse überreicht. Sowieso bin ich schnell in die Offensive gegangen und habe Anwohner direkt angesprochen („Moin, ich bin für ein Navigationssystem unterwegs und trage Hausnummern ein, damit man zum Beispiel sagen kann ‚Ich will zur Blahstraße 123‘ und dann kommt man auch tatsächlich genau dort an“). Ein Herr ist mir im Gedächtnis geblieben, weil er ganz begeistert war: „Mein Navi sagt mir immer an der Kreuzung dort hinten, dass ich schon zuhause wäre und anhalten solle. Das ist ja echt toll, dass es das dann bald nicht mehr macht.“ Ich konnte es allerdings nicht übers Herz bringen ihm zu sagen, dass sein Navi wohl kaum die freien OSM-Daten benutzen wird; für eine Einführung in OSM hatte ich in dem Moment nicht die Nerven und die Flyer hatte ich leider auch noch nicht.

Viele Anwohner fragten mich, ob ich Bäume überprüfen würde, einige waren sogar ganz enthusiastisch mir zu zeigen, welche das Amt doch bitte mal beschneiden sollte.

Insgesamt waren die Reaktionen fast immer positiv. Ich bin aber auch ein offener und freundlicher Mensch. 😉

Erfahrungsaustausch

Sehr hilfreich war der Erfahrungsaustausch im IRC (#osm und #osm-de). Anfangs hatte ich Gebäude mit mehreren Hausnummern einfach a la addr:housenumber=1,2,3,4,5,6,7,8,9,10 getaggt, da ich dachte, dass einzelne Nodes aus Hausnummern erstens total übertrieben und zweitens viel aufwändiger wären. Zum Glück sah die Karte absolut schäbig aus, wenn ein Gebäude mit einem Hausnummerbalken seine Nachbarn bedrängte. Das fand ich natürlich nicht sehr schön (jaja, nicht für den Renderer getaggt). Im IRC wurde mir nahegelegt es doch einmal auszuprobieren und so wurde ich mit einigen Umwegen zum building=entrance-Node Profi. Es sah so besser aus, war sinnvoller (oftmals sind Eingänge schwer zu finden) und ich hatte meinen Spaß. So soll es sein.

Beispiel der schlechten NummerntaggingvarianteBeispiel der guten Nummerntaggingvariante

Links: Pfui! Rechts: Hui!

Für das schnelle Eintragen vieler Hauseingänge fand ich einen relativ einfachen Weg in JOSM und bloggte ihn glücklich im OSM-Diary, nur um wenig später von anderen Mappern Tipps zu bekommen, wie es noch viel schneller und einfacher ging. Klasse!

Ergebnis

Nach 5 Wochen hatte ich annähernd 6.000 Hausnummern hinzugefügt. Auf der Karte sieht es leider etwas mau aus, aber ich bin stolz über meine Arbeit. Schwarze Flecken sind Hausnummern, die ich direkt als building=entrance gemappt habe.

Vorher & Nachher

Hausnummerabdeckung im Gebiet vorher

Hausnummerabdeckung im Gebiet nachher

Fazit

  • Realistische Ziele setzen
  • Handwerkszeug ausprobieren und gegebenenfalls ändern/ersetzen
  • Notizen ausführlich und leserlich schreiben
  • Redet mit anderen Mappern, ich bekam im IRC und per Diary tolle Tipps
  • Keine Angst vor den Anwohnern
  • Regenschirm nicht vergessen
  • Es macht süchtig!

Johannes

Johannes (HannesHH) kam vom Geocachen und mit einem gesunden Interesse für gemeinfreie Daten Anfang 2008 zu OpenStreetMap. Nach wildem Grundlagenmapping in Hamburg ist er jetzt Geomatik-Student und wünscht sich wieder mehr Freizeit. Hannes' Hauptinteresse bei OSM sind Details für Fußgänger.

Kategorie: Artikel, Gastblog

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